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Der Wandel im klassischen Automobilhandel

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Der historisch gewachsene Automobilhandel steht in den kommenden Jahren vor neuen Herausforderungen. Der klassische Neuwagenkäufer, der regelmäßig nach ein paar Jahren den eigenen Gebrauchten gegen einen Neuwagen beim Händler seines Vertrauens eintauscht, nimmt an Bedeutung ab. Neben den gesetzlichen Vorgaben, die mit den Dieselfahrverboten auch einen Imageverlust der Dieselautos und einen Wertverlust bedingen, haben sich inzwischen auch die neuen Wettbewerber am Markt positioniert. Mit dem wachsenden Onlinehandel, den neuen Carsharing-Anbietern und dem Einstieg von Amazon in den Neuwagenmarkt muss sich der Autohändler behaupten. In einem Interview nimmt Stefan Schiemann, Verkaufsleiter Neue Automobile vom Autohaus Hansa Nord GmbH in Lübeck, Stellung zur Zukunft des Automobilhändlers.

gcm: Was halten Sie von möglichen Fahrverboten in den Innenstädten für Dieselfahrzeuge?

Stefan Schiemann: Von möglichen Fahrverboten für Dieselfahrzeuge in Innenstädten halte ich überhaupt nichts. In den vergangenen Jahren hat man versucht auf Teufel komm raus, den Ausstoß von CO2 zu reduzieren. Dies gelang in vielen Industrienationen wie auch Deutschland zum überwiegenden Teil durch den Dieselboom.

Dieselfahrzeuge stoßen deutlich weniger CO2 bei höherer Effektivität aus. Das Problem, über das wir heute diskutieren, ist aber die Tatsache, dass nun Feinstaub und Stickoxide reduziert werden müssen, um die Städte sauberer zu bekommen. Tatsache ist aber auch, dass der gesamte Straßenverkehr nur circa 14 Prozent des Gesamtausstoßes davon ausmacht. Aus dem Auspuff kommt davon sogar der geringste Anteil, weil der überwiegende Anteil der Dieselfahrzeuge mit modernster Technik ausgestattet ist.

Selbst wenn der gesamte Autoverkehr für Wochen aus den Innenstädten verbannt würde, könnte man den Unterschied kaum messen. Wenn Sie sich Hafenstädte wie Kiel oder Hamburg ansehen, die ja bekanntlich auf dem Index für zu hohe Stickoxidbelastung stehen, sind doch Kraftwerke und vor allem die Kreuzfahrt sowie Containerschiffe die größten Emittenten. Wenn ein Kreuzfahrtschiff einen Tag lang in Hamburg vor Anker liegt und nicht genügend mit Landstrom versorgt werden kann, stößt das Ding mehr Stickoxide pro Passagier aus, als ein herkömmlicher Diesel pro Jahr aus dem Auspuff donnert.

Umweltverbände und Politiker, die glauben, die Umwelt zu schützen, indem sie Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhängen, haben sich mit dem Thema einfach nicht beschäftigt und betreiben Populismus in seiner schönsten Form. Frei nach dem Motto – stark behauptet, ist halb bewiesen – beweihräuchern sich die selbsternannten Päpste des Umweltschutzes gegenseitig mit ihren tollen Ideen und richten damit einen unfassbaren und nicht wiedergutzumachenden wirtschaftlichen Schaden an.

gcm: In welche Richtung hat sich das Käuferverhalten von Privat- und Geschäftskunden in den letzten Monaten gewandelt?

Stefan Schiemann: Unsere Kunden haben ihr Kaufverhalten nicht grundlegend geändert. Es werden noch immer zu einem großen Teil Fahrzeuge gewerblich geleast und aufgrund der hohen Laufleistungen nach wie vor Diesel verkauft.

Einzig die Überlegung, sich alternativ einen Benziner, einen Hybrid oder gar ein Elektrofahrzeug zu besorgen, ist zu beobachten. Die Interessenten und Fuhrparkverantwortlichen informieren sich nunmehr intensiver und beschäftigen sich mit der Wahl des Antriebs deutlich mehr als vorher. Das ist auch gut so und tut der Branche, wenn man professionell berät, sehr gut. Es werden sich im Verkauf in Zukunft immer mehr große Automobilhandelsgruppen auf dem Markt konzentrieren, die hoch präzise Antworten auf alle Arten der Mobilität bieten können.

Ein großes Problem in den letzten Monaten ist eine allgemeine Unsicherheit beim Autokauf. Das wiederum führt zu Kaufzurückhaltung und Abwartestrategien.

Wir Menschen brauchen Sicherheit bei so einer großen Anschaffung wie einem neuen Auto. Hier versagen Politik und Umweltverbände, allen voran die Deutsche Umwelthilfe, kollektiv auf ganzer Linie. Ein klares Nein zu Dieselfahrzeugen und die eindeutige Aufforderung an die Automobilindustrie, etwas zu unternehmen, wäre am Ende nicht einmal die schlechteste Lösung. Nun haben wir aber wieder nach einem Wischiwaschi-Urteil des Bundesverwaltungsgerichts eine Situation, bei der keiner weiß, wie es weiter geht. Kommt eine blaue Plakette oder nicht. Wer kontrolliert mögliche Fahrverbote und was bringen sie am Ende tatsächlich?

All diese Fragen bleiben mal wieder offen und das führt wie in den vergangenen Woche und Monaten dazu, dass die Bürger abermals abwarten und beobachten, was da so kommt.

gcm: Welche Änderungen für die Zukunft ergeben sich für Ihr Autohaus im Wettbewerb zum Onlinehandel und neuen Anbietern wie Amazon?

Stefan Schiemann: Der Online-Handel ist bereits im vollen Gange und lässt sich künftig nicht mehr aufhalten. Schon heute werden Fahrzeuge im Wert von über 50.000 Euro einfach mal so online bestellt. Am Ende steht dahinter zwar noch immer ein Autohaus, das die Bestellung und Abwicklung übernimmt. Verhandelt wird aber teilweise schon vollständig am PC ohne realen Kontakt.
Wir sind für die Zukunft gut aufgestellt und haben uns für das digitale Zeitalter gewappnet. Unsere Verkäufer werden schon heute beinahe täglich mit Angeboten aus dem Netz konfrontiert. Es wimmelt nur so vor Onlinevermittlern, die Millionen an Werbebudgets ausgeben, um einen gewissen Traffic auf ihre Seiten zu bekommen. Am Ende stehe ich diesem Wandel sehr offen und positiv gegenüber. Dieses hohe Maß an Transparenz und Geschwindigkeit ermöglicht es den Kunden heute, sich im Vorfeld gut zu informieren. Sie wissen bereits vor dem Betreten des Autohauses, was sie wollen und was es in etwa kosten darf.

Ganz ohne Verkäufer wird es zumindest in den kommenden Jahren nicht funktionieren. Gerade bei uns im Premiumsegment macht noch häufig der Mensch den Unterschied. Wir haben unsere Autohäuser zu „Wohnzimmer“ umgebaut. Hier fühlen sich die Kunden auch in Zukunft wohl und lassen sich beraten, während sie eine leckere Tasse Cappuccino trinken.

Der Wettbewerb durch den Onlinehandel wird zunehmend härter, aber wir gehen diesen Weg mit und stellen uns darauf ein, dass es täglich Veränderungen gibt, auf die wir positiv reagieren müssen.

Addendum:

Interview März 2018

Titelbild: Sinnbild Onlinehandel – Copyright © Vasyl @ fotolia.com

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