Ich schalt dann mal ab – das “Thermofenster” im PKW

Ich schalt dann mal ab – das “Thermofenster” im PKW

29. März 2017 Aus Von Nils Hagedorn
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Eigentlich versprüht der Begriff „Thermofenster“ einige positive Attribute wie Energieeinsparung, Behaglichkeit und Umweltschonung. Doch im Zusammenhang mit dem Verbrennungsmotor ergeben sich ganz andere Vorzeichen. Jedes moderne Auto ist mit einem Außentemperaturfühler ausgestattet, der uns im Innenraum rechtzeitig auf mögliche Glättegefahren hinweist. Gleichzeitig wird der aktuelle Temperaturwert auch der Motorsteuerung im Verbrennungsmotor übermittelt um die optimale Verbrennung zu steuern und die Stickoxide im Abgas zu reduzieren. Der Gesetzgeber erlaubte laut einer EU-Richtlinie den Herstellern bisher eine zeitweise Abschaltung der Stickoxidfilterung unter definierten Bedingungen.

Messungen des Kraftfahrtbundesamtes 2016

Bei den Abgasmessungen unter Praxisbedingungen des Kraftfahrtbundesamtes an 58 Modellen vorwiegend populärer Hersteller ist neben der bekannten „Schummelsoftware“, die anhand bestimmter Kriterien das Testszenario erkennt, laut verschiedenen Medienberichten eine viel einfachere Variante der Abgasmanipulation aufgetreten. In den DIN-Testbedingungen wird der Abgaswert immer unter einer konstanten Temperatur in Höhe von 23 Grad Celsius gemessen. Nichts scheint also einfacher, als die Abgasreinigung in einem Temperaturfenster um diesen Bereich zu optimieren und außerhalb bestimmter Grenzen nicht weiter zu optimieren oder sogar abzuschalten. Die Hersteller begründen das zum Teil mit der Schonung von Motorbauteilen.

Die Veröffentlichung der Testergebnisse erfolgte am Freitag, den 22. April 2017 durch Verkehrsminister Alexander Dobrindt. Wenn sich der Verdacht bestätigen sollte, ist es auch nicht mehr verwunderlich, das in den Innenstädten die Abgasbelastung teilweise deutlich über den zulässigen Grenzwerten liegt.

Die deutschen Hersteller rufen circa 630.000 Fahrzeuge zurück, um die Thermofenster zu erweitern, davon betroffen sind Fahrzeuge der Hersteller Audi, Porsche, Mercedes, Volkswagen und Opel.

Update März 2017

Die Messergebnisse der deutschen Umwelthilfe aus dem Winter 2016/2017

Auszug aus der Pressemeldung der deutschen Umwelthilfe:

Die DUH enthüllte im Januar 2016 erstmals die rechtswidrige Abschaltung einer ordnungsgemäßen Abgasreinigung bei Mercedes, und mittlerweile  bei allen untersuchten Herstellern von Diesel-Pkw. Fiat/Chrysler deaktiviert bereits unter +19 Grad Celsius, Opel, Daimler (Mercedes A-/B-Klasse), Porsche und Renault bei unter +17 Grad Celsius und Daimler (ab C-Klasse) bei unter + 10 Grad Celsius. Hierbei handelt es sich eindeutig um illegale Abschalteinrichtungen. 
Die Messungen der DUH im Rahmen ihres Emissions-Kontroll-Instituts (EKI) fanden daher bei Außentemperaturen zwischen -5 Grad Celsius und maximal +16 Grad Celsius statt. Untersucht wurden 15 Diesel-Pkw der Abgasnorm Euro 6 sowie ein Euro 5-Fahrzeug. 

Zwei der drei schmutzigsten Fahrzeuge aus deutscher Produktion stammen aus dem Haus Daimler: Negativer Spitzenreiter in dieser Gruppe ist der Mercedes B 180 d (1.039 mg NOx/km) mit 13-facher Grenzwertüberschreitung. Der Opel Zafira Tourer 1,6 CDTi (995 mg NOx/km) mit 12,4-facher und schließlich der Mercedes C 220 d (770 mg NOx/km) mit 9,6-facher Überschreitung.

Die vier insgesamt schmutzigsten Diesel-Fahrzeuge halten nicht einmal den 1992 gültigen Euro 1-Grenzwert ein. Negativer Gesamt-Rekordhalter ist der Fiat 500X 2.0 Cross 4×4 mit einem Wert von 1.380 mg NOx/km und damit einer 17,2-fachen Überschreitung des gesetzlich vorgeschriebenen EU-Grenzwerts von 80 mg NOx/km. Darauf folgen Renault Captur 1.5 dCi 110 mit 1.316 mg NOx/km (16,5 –fache Überschreitung des EU-Grenzwerts), Volvo S90 4D mit 1.076 mg NOx/km (13,4-fache Überschreitung), Mercedes B 180 d mit 1.039 mg NOx/km (13-fache Überschreitung). 

Zwei Fahrzeuge halten den EU-Grenzwert ein und zeigen damit, dass eine wirksame Abgasreinigung auch bei winterlichen Temperaturen technisch machbar ist: Die Mercedes E-Klasse 200d der neuen Motorgeneration (654) mit 43 mg NOx/km sowie der Audi A5 2.0 TDI mit 40 mg NOx/km. 

Adblue-Einfüllstutzen

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Abgasmessungen des Emissions-Kontroll-Institus ( EKI ) der deutschen Umwelthilfe
im Winterhalbjahr 2016/17 an 16 Diesel-Pkw mit EURO-6 Norm

Auflistung sortiert nach Grenzwertüberschreitungsfaktor absteigend.

Euro 6 Diesel-Pkw Ø CO2 g/km Ø NOx mg/km Faktor Grenzwertüberschreitung
Fiat 500X 2.0 Cross 4×4 160 1380 17,2
Renault Captur 1.5 dCi 110 118 1316 16,5
Volvo S90 4D 143 1076 13,4
Mercedes B 180 d 134 1039 13,0
Opel Zafira Tourer 1.6 CDTi 151 995 12,4
Hyundai i20 1.1 CRDi 110 861 10,8
Mercedes C 220d 131 770 9,6
Land Rover Discovery Sport HSE TD4* 172 1242 6,9
Ford Mondeo Turnier 2.0 TDCi 144 519 6,5
Mercedes S 350 BlueTec** 186 412 5,2
Mazda CX5 2.2 Skyactiv-D 176 403 5
BMW 520d Touring 139 272 3,4
BMW X1 xDrive18d 151 238 3
Mercedes GLC 220d** 150 193 2,4
Audi A5 2.0 TDI** 117 40 0,5
Mercedes E 200d (neue Motorgeneration, OM 654) 148 43 0,5

Ergänzende Hinweise zu den Werten:
* Abgasnorm Euro 5, NOx-Grenzwert bei 180 mg/km
** CO2-Wert unter Vorbehalt
Quelle: Deutsche Umwelthilfe, Messzeitraum September 2016 – März 2017


Die Ergebnisse zeigen folgende Tendenzen:

  • Nur wenn die aufwendige und notwendige Technik zur konsequenten Abgasreinigung über alle Temperaturbereiche eingebaut wird, können gesetzeskonforme Abgaswerte erzielt werden
  • Die Grundpreise für die einzigen beiden schadstoffkonformen Modelle liegt bei dem Mercedes 200d bei 44.565 Euro und für den Audi A5 2.0 TDI bei 40.850 Euro in der Grundausstattung und da rechnet sich für Privat-PKW mit wenigen Fahrkilometern pro Jahr der Mehrpreis gegenüber den Benzinvarianten nicht.
  • Neben den Dieselkosten müssen für alle Dieselmotoren der neuen Generation die Wartungskosten für die Adblue-Technologie und die Verbrauchskosten für Adblue hinzugerechnet werden.

Addendum:

Quellen: Pressetext und Testergebnisse Deutsche Umwelthilfe

Die Messergebnisse der deutschen Umwelthilfe als Bakendiagramm

Titelbild: Start vom Dieselfahrzeug. Quelle: © Ingo Bartussek @ Fotolia.com

Hinweis:

Einen aktuellen Überblick mit allen emissionsfreien Elektrofahrzeugen finden sie im neuen Heft vom green car magazine Ausgabe II / 2017

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