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Xiamen Energy Storage Validation Research Institute (ESVL - Copyright CATL

“Mit ESVL bringen wir die Validierung erstmals auf Stationsebene und vor die Auslieferung.”

Das Akronym CATL steht für den weltgrößten Batteriehersteller Contemporary Amperex Technology Co. Limited, der in erster Line Energiespeicher und Akkus für Elektrofahrzeuge produziert. Im Mai 2026 eröffnete CATL in Xiamen (China) das weltgrößte Testzentrum für Energiespeicher: das Xiamen Energy Storage Validation Research Institute (ESVL). Mit diesem Projekt setzt CATL neue Maßstäbe für die Validierung auf Stationsebene. Im umfassenden Interview geht Caspar Spinnen, CATL-Sprecher in Deutschland, auf alle wesentlichen Aspekte zur Validierungsplattform, der Technik und den Aussichten zur Zukunft ein.

Bedeutung der neuen Validierungsplattform

gcm: Herr Spinnen. was war der ausschlaggebende Grund für den Aufbau der weltweit größten Validierungsplattform für Energiespeicher?

Energiespeicher skalieren rasant als Kernbaustein der Energiewende – doch zwischen installierter Kapazität und realer Leistung klafft eine wachsende Lücke. Weltweit unterperformt fast jede fünfte Großspeicheranlage, und 46,5 % der Systeme erleben Netzanschlussverzögerungen von mehr als zwei Monaten. Bisherige Prüfungen blieben weitgehend auf Komponenten- und Szenarioebene. Mit ESVL bringen wir die Validierung erstmals auf Stationsebene und vor die Auslieferung.

gcm: Welche Lücke in der bisherigen Test- und Zertifizierungslandschaft soll die Plattform schließen?

Die Lücke zwischen komponentenbasierter Prüfung und tatsächlichem Anlagenbetrieb. ESVL verlagert die Validierung vom Komponententest hin zur Voll-System- und Stationsverifikation – und deckt Sicherheit, Netzstützung und Langzeitzuverlässigkeit ab, bevor ein System ans Netz geht.

gcm: Warum wird die Branche Ihrer Ansicht nach jetzt in ein „Zeitalter der Real-World-Validation“ eintreten?

Weil Speicher in das Gigawatt-Zeitalter eintreten. Unser Chefwissenschaftler Dr. Wu Kai bringt es so auf den Punkt: Wissenschaftliche Strenge ist wichtiger denn je – ehrlich gegenüber der Anlagenleistung, respektvoll gegenüber der Netzdynamik, diszipliniert bei den Testergebnissen. Speicher werden zur kritischen Infrastruktur, und kritische Infrastruktur muss unter realen Bedingungen bewiesen sein.

Dr. Wu Kai, Chef Scientist of CATL- Copyright CATL
Dr. Wu Kai, Chef Scientist of CATL- Copyright CATL

gcm: Welche Herausforderungen bei Großspeichern werden heute noch zu häufig erst im realen Betrieb erkannt?

Vor allem die Zusammenspiel-Effekte auf Stationsebene: Netzstützungsverhalten unter komplexen Netzbedingungen, das Zusammenwirken vieler Container, thermische und Hochspannungs-Sicherheitsgrenzen sowie Langzeitverhalten unter extremen Klimabedingungen. Genau diese Punkte lassen sich bislang kaum vor der Inbetriebnahme prüfen – und führen zu Unterperformance und Anschlussverzögerungen.

Technik und Leistungsfähigkeit

gcm: Welche technischen Merkmale machen die Anlage weltweit einzigartig?

Sie ist mit rund 10 Hektar und etwa 3 Mrd. RMB (ca. 440 Mio. USD) Investition die größte und umfassendste One-Stop-Validierungsplattform der Branche und vereint mehrere Weltpremieren in fünf Laboren – darunter das weltweit erste Netzintegrationslabor auf Stationsebene und die weltweit erste große Indoor-Verbrennungsanlage mit 20-MW-Kalorimeter.

gcm: Welche Arten von Energiespeichersystemen können auf der Plattform getestet werden?

Vollständige Energiespeichersysteme auf Stations- und Containerebene. Mehrere großformatige Container lassen sich gleichzeitig prüfen; das EMV-Labor nimmt sogar einen kompletten 40-Fuß-Container auf. Die Plattform ist als offene, gemeinsam nutzbare Infrastruktur für alle Akteure der Branche konzipiert.

gcm: Wie realitätsnah lassen sich Netzbedingungen und Störfälle simulieren?

Das Netzlabor bildet reale Netze nach – mit 35-kV-/100-MVA-Netzsimulator und Echtzeitsimulator, Frequenzbereich 15 bis 60 Hz und der Möglichkeit, 1.000-Knoten-Netztopologien zu simulieren. So lässt sich netzbildendes Verhalten und Mehr-Einheiten-Koordination unter komplexen Netzbedingungen prüfen.

gcm: Welche Rolle spielt das stationäre Netzlabor mit seinem 35-kV-/100-MVA-Netzsimulator?

Es ist das weltweit erste Netzintegrationslabor auf Stationsebene und setzt einen neuen globalen Maßstab – rechnerisch 14-mal größer als die 13,8-kV-/7-MVA-Plattform des NREL. Es kann mehr als zehn Großspeicher-Container gleichzeitig prüfen, verbessert die Inbetriebnahme-Sicherheit und verkürzt die Commissioning-Zyklen.

gcm: Welche Erkenntnisse lassen sich aus der Simulation von 1.000-Knoten-Netzstrukturen gewinnen?

Man erkennt, wie sich ein Speicher in einem realistisch verzweigten Netzumfeld verhält – insbesondere die netzbildende Fähigkeit (Grid Forming) und die Koordination mehrerer Einheiten unter komplexen Bedingungen. Das senkt Risiken bei der Inbetriebnahme.

gcm: Welche Bedeutung haben die Brand-, Hochspannungs- und Umweltprüfungen für die Sicherheit zukünftiger Speicherprojekte?

Sie adressieren die kritischsten Sicherheits- und Zuverlässigkeitsfragen vor der Auslieferung. Das Hochspannungslabor (1 kV–500 kV) untersucht Brand- und Explosionsmechanismen bis zur Wurzel; das Verbrennungslabor (100.000 m³, Explosionstests an bis zu neun Containern) liefert Daten zu Sicherheitsabständen und Aufstellungsplanung; das Umweltlabor prüft von –50 °C bis 100 °C und bis 7.200 m Höhe.

Sicherheit und Qualität

gcm: Wie können Betreiber und Investoren von den Testergebnissen profitieren?

Dr. Chen Xiaobo, Leiter von ESVL - Copyright CATL
Dr. Chen Xiaobo, Leiter von ESVL – Copyright CATL

Wie Dr. Chen Xiaobo, Leiter von ESVL, betont: Unabhängige, rückverfolgbare und real validierte Daten helfen Regulierern bei evidenzbasierten Entscheidungen, Versicherern bei präziserer Risikobewertung und Finanzinstituten dabei, Speicher als glaubwürdigeren, bankfähigen Vermögenswert einzuordnen.

gcm: Welche Sicherheitsrisiken lassen sich durch die neue Plattform frühzeitig identifizieren?

Brand- und Explosionsrisiken unter extremen Hochspannungsbedingungen, thermische Sicherheitsgrenzen, elektromagnetische Störrisiken sowie Schwächen bei der Umweltbeständigkeit – jeweils vor dem Deployment statt erst im Feld.

gcm: Welche Standards oder Prüfverfahren fehlen der Branche heute noch?

Bislang ist Validierung weitgehend auf Komponenten- und Szenarioebene begrenzt; ein glaubwürdiger Rahmen auf Stationsebene fehlt. Genau diesen Schritt – Qualitätsstandards auf Anlagenebene und Vorverlagerung der Validierung vor die Auslieferung – will ESVL etablieren.

gcm: Wird CATL die Testergebnisse veröffentlichen oder Kunden zugänglich machen?

ESVL steht für die Etablierung von Standards und für Transparenz gegenüber Investoren. Die Plattform ist als offene, gemeinsam genutzte Infrastruktur angelegt und arbeitet mit führenden Zertifizierungsstellen nach dem Prinzip „one-test, multi-witness, globally recognized“. Die Daten sind unabhängig und rückverfolgbar. Mit Einverständnis und auf Wunsch der testenden Parteien können die Ergebnisse auch öffentlich gemacht werden – so entsteht eine belastbare, vergleichbare Datengrundlage für Regulierer, Versicherer und Finanzierer.

gcm: Wie lässt sich die Vergleichbarkeit verschiedener Speichertechnologien verbessern?

Durch einheitliche Validierung auf Stationsebene unter den anspruchsvollsten Netzbedingungen sowie das Modell „ein Test – mehrere Zeugen – global anerkannt“ mit Stellen wie TÜV SÜD, TÜV Rheinland, CGC und CSA. Das schafft eine gemeinsame, belastbare Datenbasis.

Markt und Regulierung

gcm: Die Plattform steht laut CATL auch anderen Marktteilnehmern offen. Wie wird dieses Modell konkret funktionieren?

ESVL ist als offene, gemeinsam nutzbare Infrastruktur für die gesamte globale Speicherbranche zugänglich und kooperiert mit führenden Zertifizierungsstellen, um „one-test, multi-witness, globally recognized“-Dienstleistungen anzubieten – also einen Test mit mehrfacher, international anerkannter Bezeugung.

gcm: Welche Rolle spielen Zertifizierungsorganisationen wie TÜV SÜD und TÜV Rheinland in diesem Ökosystem?

Sie gehören – neben CGC und CSA – zu den führenden Zertifizierungspartnern, die ESVL einbindet, um global anerkannte Prüfergebnisse zu gewährleisten. Sie sind damit zentral für die Glaubwürdigkeit und internationale Akzeptanz der Daten.

gcm: Erwarten Sie, dass die Plattform künftig internationale Industriestandards beeinflussen wird?

Das ist die Zielrichtung: Qualitätsstandards auf Stationsebene anzuheben und Validierung vor die Auslieferung zu verlagern. Durch die Einbindung international anerkannter Zertifizierer und das „one-test, multi-witness“-Prinzip ist die Plattform darauf ausgelegt, branchenweit Maßstäbe zu setzen.

gcm: Welche Auswirkungen könnte die Anlage auf Genehmigungs- und Finanzierungsprozesse von Speicherprojekten haben?

Unabhängige, rückverfolgbare Validierungsdaten können Genehmigungs- und Finanzierungsprozesse erleichtern – Regulierer entscheiden evidenzbasierter, Versicherer bepreisen Risiko präziser, Finanzierer behandeln Speicher als bankfähigeren Vermögenswert. In Nordamerika hat ein großes Solar-plus-Speicher-Projekt von CATL später eine Refinanzierung zu niedrigerem Zins gesichert.

gcm: Werden Regulierungsbehörden künftig stärker auf reale Validierungsdaten statt auf Labortests setzen?

Wir gehen davon aus. Da Speicher zunehmend kritische Infrastruktur sind, gewinnen unabhängige, real validierte Daten als Entscheidungsgrundlage an Gewicht – genau dafür ist ESVL konzipiert.

Auswikungen auf Europa und Deutschland

gcm: Welche Bedeutung hat die Plattform für den europäischen Energiespeichermarkt?

Der europäische Markt wächst stark, und das Investitionsvolumen in leistungsfähige Speichertechnik ist hoch. Gleichzeitig sind Speicher zu einer neuen Commodity geworden – und flapsig gesagt bleiben in der Praxis viele Systeme hinter den angegebenen Specs zurück. Genau hier setzt ESVL an: Eine unabhängige Validierung auf Stationsebene – vor dem Deployment – schafft Gewissheit, dass Anlagen unter realen Netzbedingungen tatsächlich das leisten, was zugesichert wurde. Als offene Plattform steht ESVL ausdrücklich auch europäischen Unternehmen und Projektentwicklern offen.

gcm: Können europäische Unternehmen und Projektentwickler die Testeinrichtungen ebenfalls nutzen?

Ja – die Plattform ist als offene, gemeinsam genutzte Infrastruktur für alle Marktteilnehmer weltweit angelegt, mit international anerkannten Zertifizierungspartnern.

gcm: Welche Erkenntnisse aus Xiamen könnten für die Stabilisierung europäischer Stromnetze besonders relevant sein?

Insbesondere die netzbildende Fähigkeit (Grid Forming) und die Mehr-Einheiten-Koordination unter komplexen Netzbedingungen, getestet an realitätsnahen Netztopologien mit bis zu 1.000 Knoten und einem Frequenzbereich von 15–60 Hz – Aspekte, die für die Stabilität moderner, erneuerbarengeprägter Netze zentral sind.

gcm: Sehen Sie Unterschiede zwischen den Anforderungen chinesischer und europäischer Netzbetreiber?

Alle Märkte sind unterschiedlich. In Europa entstehen Projekte oft auf vergleichsweise engerem Raum, während China etwas mehr Flächenland zur Verfügung hat. Das steigert in Europa die Sicherheitsanforderungen spürbar – etwa bei Brandschutz, Sicherheitsabständen und Lautstärke. Genau solche Aspekte adressiert ESVL gezielt: Das Verbrennungslabor liefert Daten zu Sicherheitsabständen und Aufstellungsplanung, das Hochspannungslabor untersucht Brand- und Explosionsmechanismen bis zur Wurzel, und das Netzlabor bildet unterschiedliche Netztopologien und Frequenzbereiche ab, sodass verschiedene regulatorische und betriebliche Anforderungen abgebildet werden können.

Strategische Fragen

gcm: Wie fügt sich die Validierungsplattform in die langfristige Energiespeicherstrategie von CATL ein?

Sie ergänzt unsere praktische Projekterfahrung um systematische Validierung. CATL entwickelt seit 2016 Großspeichertechnik, erzielte 2020 den Durchbruch zur Null-Degradations-Technologie und ist mit 121 GWh Speicherbatterie-Absatz und 30,4 % Marktanteil seit fünf Jahren weltweit die Nummer eins. ESVL verankert darüber ein neues Vertrauensgerüst für die Branche.

gcm: Welche Technologien erwarten Sie in den nächsten fünf Jahren als größte Treiber des Energiespeichermarktes?

Neben der etablierten LFP-Chemie sehen wir Natrium-Ionen als zweite Säule. Mit TENER Sodium hat CATL gerade das weltweit erste real validierte Natrium-Ionen-Speichersystem vorgestellt – Natrium ist über 1.000-mal häufiger verfügbar als Lithium. Lithium und Natrium bilden künftig gemeinsam das Fundament der Speicherinfrastruktur.

gcm: Welche Rolle werden netzbildende Speicher („Grid Forming Storage“) künftig spielen?

Eine zentrale. Das Netzintegrationslabor validiert ausdrücklich netzbildende Fähigkeiten auf Stationsebene – ein Schlüsselbaustein, je höher der Anteil erneuerbarer Energie im Netz wird.

gcm: Wie verändert der KI- und Rechenzentrumsboom die Anforderungen an Energiespeicher?

Die KI-getriebene Stromnachfrage steigt stark – Speicher rücken dadurch von einer unterstützenden Rolle zur kritischen Infrastruktur. Das erhöht die Anforderungen an Verfügbarkeit, Netzstützung und nachgewiesene Zuverlässigkeit, genau die Punkte, die ESVL vor dem Deployment absichert.

gcm: Welche Innovationen möchte CATL mithilfe der Plattform künftig beschleunigen?

Vor allem sichere, netzdienliche und langzeitstabile Systemarchitekturen – von der Brand- und Hochspannungssicherheit über netzbildende Fähigkeiten bis zur Umweltbeständigkeit. Die Erkenntnisse fließen direkt in Auslegung und Systemiteration zurück.

gcm: Wenn Sie einen Blick auf das Jahr 2030 werfen: Wie wird sich die Validierung von Energiespeichern bis dahin verändert haben?

Wir erwarten, dass sich Validierung dauerhaft von der Komponenten- auf die Stationsebene verlagert und vor die Auslieferung wandert – mit unabhängigen, rückverfolgbaren Realdaten als Standard für Regulierung, Versicherung und Finanzierung. Das von Dr. Wu Kai beschriebene Prinzip wissenschaftlicher Strenge wird damit zum Branchenmaßstab.

gcm: Herzlichen Dank, Herr Spinnen.

Addendum

Interview zur Eröffnung des Xiamen Energy Storage Validation Research Institute (ESVL

Interviewpartner Caspar Spinnen, CATL-Sprecher in Deutschland.

Bildmaterial Copyright CATL

N. Hagedorn

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