Porsche Taycan – Eine neue Sportwagen-Epoche

Porsche Taycan – Eine neue Sportwagen-Epoche

7. Oktober 2020 0 Von Nils Hagedorn
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Porsche ist mit dem aktuellen Taycan in die Epoche der globalen Serienfertigung für Elektro-Sportwagen gestartet. Dabei bildet der Porsche Taycan 4S zurzeit das Einstiegsmodell. Während die meisten Hersteller noch auf ein eigenes Layout für die Elektroautos pochen, erkennen wir am Taycan gleich beim ersten Blick die typische Porsche-DNA. Obwohl er nur 9 cm kürzer als ein Porsche Panamera ist, wirkt er optisch sofort filigraner und sportlicher mit den groß dimensionierten Radausschnitten für die Sportfelgen und den großzügig dimensionierten Bremssätteln. Wir werfen einen Blick auf die emissionsfreie Zukunft der Porsche-Sportwagen.

Porsche Taycan Mambagrünmetallic
Porsche Taycan Mambagrünmetallic

Die neue Epoche beginnt mit markanten Farbtönen für den Taycan wie “Mambagrünmetallic“, „Vulkangraumetallic“ oder hat wie bei unserem Testwagen ein auffälliges „Frozenbluemetallic“. Die LED-Beleuchtung gehört zur Serienausstattung. Als Option kann auf Matrix-LED-Lichter umgestellt werden. 19-Zoll-Felgen sind Standard für den Taycan 4S, exklusivere Sportfelgen in 20- oder 21-Zoll-Format werden wohl aber häufiger gewählt. Das Gesamtpaket aus Design, Farbgebung und Felgen verleihen dem Taycan einen individuellen Charakter. Er vermittelt direkt beim Anblick Attribute aus dem Rennsport und fällt zurzeit mehr auf als jeder andere Porsche. Mit der reinen Elektroversion wird er dem Zeitgeist gerecht. Die Neubestellungen für den Taycan erreichen schon jetzt den Wert von 10 Prozent aller Neufahrzeuge bei Porsche.

Zentrales Display vom Porsche Taycan
Zentrales Display vom Porsche Taycan

Neue Zielgruppen

Während die klassischen Porschefahrer mit dem Benzin im Blut und vielfältigen Schaltern, Kipphebeln oder Knöpfen noch jedes Quäntchen Performance aus dem Auto herauskitzelten, ist der Taycan ein großes digitales Kinoprogramm. Während früher das Auge über ein Feld von Wippen, Touchsegmenten, Knöpfen und Kippschaltern bei Porsche wanderte, dominiert jetzt ein 16,8 Zoll großes Curved-Display das Spielfeld. Das digitale Cockpit ist individuell auf die gewünschten Informationen von der Navigationskarte bis zum Fahrmodus einstellbar. Am Randbereich werden sie teilweise vom Lederlenkradkranz bedeckt. So dominieren während der Fahrt die zentralen, sehr kontrastreichen Anzeigen für Geschwindigkeit, Stromverbrauch und Akkustand. Rechts neben dem Lenkrad thront der 10,9 Zoll große Infotainment-Monitor über der Mittelkonsole. Darunter dient ein kleineres 8,4 Zoll Display in erster Linie für die Klimatisierung, zusätzlich auch für die Abdeckungen der Ladestecker und Kofferräume. Die Einstellungen sind sehr differenziert und ermöglichen natürlich auch die Bedienung von Sitzbelüftung und -heizung.

2 Motoren und 2 Gänge

In den Innenräumen der neuesten Generation von Elektroautos geht der Trend zur Verwendung von recycelten Materialien. Porsche setzt erstmals auf ambitionierte Oberflächenstrukturen ohne Tierhäute. Unter der Bezeichung „Race-Tex“ wird eine Mikrofaser unter Verwendung von recycelten Polyesterfasern verwendet. Im Bodenbelag wird die Recyclingfaser „Econyl-Garn“, die unter anderem aus wiederverwerteten Fischernetzen gefertigt wird, eingesetzt. Das Lenkrad ist mit Mikrofasern überzogen. Der Innenraum wirkt großzügig und bietet ein gutes Raumgefühl mit vielen sportlichen und hochwertigen Details. Die glatten, schwarzen Hochglanzflächen sammeln dagegen schnell die Fingerabdrücke und den Staub auf. Die Sitze sind individuell sehr umfangreich einstellbar und die Positionen können per Memoryfunktion für verschiedene Fahrer/Innen abgespeichert werden. Die Sitzposition bietet eine gute Übersicht während der Fahrt auf Cockpit und Fahrbahn.

Taycan Zentralverriegelung und Memoryfunktionen
Taycan Zentralverriegelung und Memoryfunktionen

Platzhirsch Taycan

Ein Platzhirsch mit ausreichendem Platzangebot für vier erwachsene Personen ist schon ein Familienauto. Es ist zwar nicht so üppig wie bei einem großformatigen SUV, doch für die Sportwagen-Architektur bietet er nicht nur ausreichend Platz, sondern optional auch individuelle Klimatisierung für die Passagiere im Fond. Zur Beinfreiheit tragen auch die Aussparungen beim Akku im rückwärtigen Fußraum bei. Beim Gepäck sind die Kofferräume vorne und hinten mit 80 l und 370 l Ladevolumen dagegen nicht so großzügig bemessen. Erweitert wird die Ladefläche durch umklappbare Sitze im Fond.

Der Porsche Taycan mit Allradantrieb wird über zwei permanent erregte Elektromotoren an beiden Achsen angetrieben. Mit der sogenannten Hairpin-Technologie besteht die Wicklung der Statorspulen aus rechteckigen Drähten. Gegenüber herkömmlichen runden Wicklungen steigt der Füllraum mit Kupfer auf 70 Prozent. An der Vorderachse arbeitet beim Taycan 4S ein etwas kleiner dimensionierter 190 kW Motor, an der Hinterachse entsprechend der stärker dimensionierte Motor, der mit einem Zweiganggetriebe gekoppelt ist.

Taycan – Sportwerte

Wer die sportlichen Werte testen will und die wahren inneren Werte gegenüber einem Tesla erleben möchte, ist hier eindeutig auf den Teststrecken bestens aufgehoben. Wir haben die Viertelmeile auf dem Testgelände „Hungriger Wolf“ vom Verkehrsinstitut Nord für die Beschleunigungstests genutzt. Hier wird sich zeigen, ob der Taycan der Konkurrenz von Tesla die Stirn bieten kann. Ein paar wesentliche technische Details fallen schon bei den ersten Fahrten auf, die 800-Volt-Architektur gepaart mit einem effizienten Thermomanagement entfalten eine hohe Leistungsstabilität. Die Beschleunigungen von 0 auf über 200 km/h können locker einige Male ohne Leistungsminderungen wiederholt werden.

Taycan 4S auf der Landstraße

Diese Leistungsarchitektur lässt den Taycan zurzeit eindeutig als Referenz in der Sportwagenklasse erscheinen. Besonders der Kick beim automatischen Wechsel auf den zweiten Gang hat noch mal seinen ganz eigenen Reiz in dieser Klasse.

Showdown auf der Viertelmeile

Auch im Alltag bietet der Taycan mit den tief im Fahrzeugboden verbauten Akkus einen sehr niedrigen Schwerpunkt. Eine adaptive 3-Kammer-Luftfederung und eine Wankstabilisierung lassen ihn spurstabil durch die Kurven ziehen. Gut 90% aller Bremsvorgänge werden im normalen Fahralltag über die Rekuperation wieder eingespeist. Besonders aus hohen Geschwindigkeiten ergibt das angenehm viel Energie, die zurück in den Akku fließen. Bremssättel und Scheibenbremsen werden hierbei thermisch komplett entlastet. Eine eigene Beschichtung sorgt für weniger Flugrost bei geringerer Benutzung.

Das Fahrwerk spielt trotz des hohen Eigengewichts mit dem extrem niedrigen Schwerpunkt seine eigene Ausgewogenheit voll aus. Sportwagen und Komfort stehen hier nicht im krassen Gegensatz wie bei vielen traditionellen Verbrennern. Und das erzeugt eine ganz eigene Spannung am elektrischen Taycan. Je intensiver man ihn fährt, umso stärker lassen sich alle fahrtechnischen Feinheiten erleben. Dazu trägt auch die gute Geräuschdämmung bei, die selbst bei hohen Geschwindigkeiten ein ruhiges und ausgeglichenes Fahren erlaubt.

Preise und Zubehör

Bei allen technischen Finessen sind der Reichweite natürlich Grenzen gesetzt. Im Sportmodus erlaubt sich der Taycan deutlich über 30 kWh/100 km. Damit der Fahrspaß aber nicht allzu lange getrübt wird, hat selbst der Ladevorgang einen sportlichen Charakter. Unter optimalen Bedingungen kann der Taycan mit 270 kW Gleichstrom aufgeladen werden. Bei unserem Test haben wir die Ionity-Schnellladesäulen genutzt. Da sich die letzten 20% der Akkuladung ziehen, haben wir nur bis zu 80 Prozent geladen, und die konnten wir unter einer halben Stunde realisieren.

So gesehen, ist der Porsche in der Gesamtbilanz der Testfahrten gut gegen die Konkurrenz von Tesla gerüstet. Aber genau wie bei der Konkurrenz hat das Premiumsegment natürlich ein eigenes Preisniveau. Das nackte Grundmodell Taycan 4s startet bei einem Listenpreis von 105.607 Euro (06/2020). Ein weiterer Pluspunkt im Premiumsegment sind umfangreiche Sonderausstattungen und individuelle Ausstattungen bezüglich Interieur und Exterieur. Ein paar technische Schmankerl sind interessant.

Technische Leckerbissen

Performance Plus Akku (6.521,20 Euro)
Was beim Benziner der größere Tank ist, ist beim Elektroauto eindeutig das größere Akkupaket. Es beinhaltet die Erweiterung der serienmäßigen Performancebatterie von 79,2 kWh Brutto-Batteriekapazität auf 93,4 kWh Brutto-Batteriekapazität (Netto-Batteriekapazität: 83,7 kWh).

Nachtsichtassistent (2.213,40)
Den Assistenten haben wir schon bei anderen Porsche-Modellen umfangreich getestet. Dieser umfasst eine zusätzliche Darstellung eines Infrarot-Wärmedifferenzbildes im Zentrum des Curved-Displays. Erkannte Fußgänger und größere Wildtiere werden gelb hervorgehoben. Fußgänger in kritischer Entfernung werden rot hervorgehoben und der Fahrer wird gewarnt (optisch und akustisch).

Abstandsregeltempomat (1.739,40)
Der Abstandsregeltempomat stellt eine Entlastung für den Langstreckenbereich und die Urlaubsfahrten dar. Er überwacht mittels Radar- und Videosensorik den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug und regelt automatisch den Abstand – wenn nötig bis zum Stillstand mit Stop-and-Go-Funktion (einstellbarer Geschwindigkeitsbereich: 30 km/h – 210 km/h).

Fazit

Der kraftvolle Auftritt und die Dynamik übertreffen die klassischen Sportwagen mit Verbrennungsmotoren schon jetzt. Das Handling, das spurfeste Fahrwerk und die Beschleunigungsdynamik sind starke Attribute des neuen Taycan. Die Reichweiten dagegen hängen sehr vom ausgewählten Modus und dem Druck auf das Strompedal ab. Im normalen Alltagsbetrieb im warmen Frühling waren aber gut 300 km bis zum nächsten Powercharger realisierbar. Die Symbiose aus Performance und Komfort ist aus unserer Sicht als Referenz in diesem Sportwagensegment einzustufen.

Addendum

Test aus dem Sommer 2020

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