Praxistest Golf 8 eTSI – die digitale Evolution

Praxistest Golf 8 eTSI – die digitale Evolution

14. September 2020 0 Von Nils Hagedorn
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Die neue Generation vom Golf 8 ist äußerlich vielleicht nur dezent erneuert, die inneren Werte offenbaren aber ein interessantes Fahrgefühl mit einem völlig neuen technischen Konzept und einem digitalisierten Cockpit. Bei den aktuellen Disruptionen am Fahrzeugmarkt, den revolutionären äußeren Bedingungen durch die weltweite Corona-Pandemie und einer damit sich verändernden Arbeitswelt bildet der transformierte Golf aus dem letzten Jahrhundert zurzeit wohl noch eine der wenigen Konstanten in der Automobilwelt. Das macht den Golf 8 wohl auch als konzerneigenen Gegenspieler zum elektrischen VW ID zu einem interessanten Konkurrenten. Zwei Testwochen im knochentrockenen April 2020 wird er im echten Norden auf die Probe gestellt.

Ein vertrautes Gesicht

Nicht umsonst hat sich schon zu Beginn der Siebzigerjahre der Begriff „Golfklasse“ etabliert und damit einige Standards bis heute gesetzt. Der quer eingebaute Motor, der Frontantrieb und der großzügige Innenraum sind bis heute tradierte Merkmale der Fahrzeugklasse. Mit der 8. Generation bleibt der Golf vielen liebgewonnenen Werten treu und setzt ganz eigene Schwerpunkte für das neue Jahrzehnt. Übernommen wurde der bekannte und leicht modifizierte Querbaukasten, der mit fast gleichen Abmessungen aus dem alten Golf nicht mehr Platz bietet als bisher. Dem Zeitgeist angepasst wurden fast alle Leuchtmittel mit LED-Technik ausgestattet, die Matrix LED-Scheinwerfer gehören allerdings zur Sonderausstattung.

Ein modifizierter Motor

Auf uns wartet im Test eine überarbeitete Motorisierung mit einem Mildhybridsystem. Der Motor ist eine Weiterentwicklung des bewährten EA 211 4-Zylinder-Motors und trägt die Bezeichnung EA 211 EVO mit einer teilweisen Zylinderabschaltung. Hierbei werden über Stifte verschiedene Nockenwellen-Profile angesprochen. Definierte Ventile werden unter Teillast nicht geöffnet und sparen Kraftstoff. Entsprechend effizienter arbeitet der Motor.

Die elektrische Unterstützung erfolgt über den Riemen-Starter-Generator, der die früher getrennt arbeitenden Lichtmaschine und Anlasser ersetzt. Beim Anfahren und beim Beschleunigen unterstützt der Generator den Benzinmotor und verschafft einen zusätzlichen Schub. Im Endeffekt senkt die neue Motorisierung den Kraftstoffverbrauch leicht gegenüber dem Golf 7.

Gewohnter Laderaum

Golf 8 Laderaum
Golf 8 Laderaum

Die Innenabmessungen gegenüber dem Vorgängermodell 7 haben sich nicht wesentlich verändert und so sind der Innenraum und auch das Kofferraumvolumen vergleichbar. Wesentlicher Vorteil ist das großzügigere Raumgefühl auf den Vordersitzen. Das digitalisierte Cockpit nimmt wesentlich weniger Platz ein und lässt viel Platz für eine komfortable Bedienung der Displays.

Digitalisiertes Cockpit im eTSI

Das Cockpit ist die innovativste Neuerung im Golf. Endlich sind auch hier weitgehend viele Tasten, Regler und Schalter durch Touch- oder Slider-Bedienung auf dem großformatigen Zentraldisplay ersetzt worden. Erweitert ist die Digitalisierung mit einer Sprachbedienung und übersichtlichen Lenkradtasten. Navigationsziele, Klimasteuerung oder Kontakte lassen sich mit einem einleitenden „Hallo Volkswagen“ direkt ansprechen. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit haben wir die wesentlichen Basisfunktionen über die Sprachsteuerung durchgeführt.

Nach dem Einstieg und der Positionierung des Sitzes startet der Golf per Knopfdruck und baut das neue digitale Cockpit auf. Die Sitze sind gewohnt individuell auf die Bedürfnisse des/der Fahrers/Fahrerin einstellbar und bieten einen stabilen Seitenhalt. Wir testen in der höchsten Ausstattungslinie Style. Zur Standardausstattung im eTSI gehört das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe, das jetzt aber eleganter mit einer kleinen Schaltwippe in der Mittelkonsole bedient werden kann. In unmittelbarer Nähe befindet sich der Handbremsknopf. Unter dem Beifahrersitz ist der kompakte Akku für die Energieversorgung des Riemen-Starter-Generators platziert.

Einsteigen und starten

Golf 8 Fahrerplatz
Golf 8 Fahrerplatz

Nach dem Start legt der Vierzylinder zügig los und beschleunigt den Golf auf 100 km/h innerhalb von gut achteinhalb Sekunden. Besonders im Citybereich bis 50 km/h wirkt der neue Golf deutlich agiler durch die neue 48-Volt-Mildhybridtechnik als sein Vorgänger. Das höchste Drehmoment von 250 Nm kann schon im Drehzahlbereich zwischen 1.500 und 3.500 U/min abgerufen werden. Damit gehört auch die vermeintliche Anzugsschwäche der Vorgängermodelle der Vergangenheit an und die Agilität setzt sich auch in den Überholmanövern fort.

Eine neue Funktion für die Mildhybridfahrer ist der Segelmodus. Das Signal, den Fuß vom Gas zu nehmen, erscheint im digitalen Kombiinstrument, dann segelt der Golf auf verschiedenen Streckenprofilen antriebslos weiter. Hierbei nimmt der Golf allmählich Tempo ab, um bei einem kurzen Tritt auf das Gaspedal beherzt wieder zu beschleunigen. Die genauen Einsparungen während des Rollens sind wohl nur bei gezieltem Einsatz zu ermitteln. Aber der Verbrauch liegt auch in unserem Praxistest über die gesamte Strecke unter den Werten des Vorgängermodells. Im kühlen Frühjahr 2020 lagen sie bei 6 bis 7l Super E10.

Neu ist im Golf 8 ein zentraler Fahrdynamikmanager, der sowohl die radselektive Dämpfungshärte steuert und eine elektronisch simulierte Differentialsperre enthält. Damit werden vor allem bei Kurvenfahrten sehr viel bessere Spurführungen und eine hohe Fahrstabilität erreicht. Die neue Technik und das überarbeitete Fahrwerk bringen wesentlich mehr Stabilität bei nassen Fahrbahnen oder bei plötzlichen Fahrbahnwechseln für Ausweichmanöver mit sich.

Kompakte Schaltwippe Golf 8 eTSI
Kompakte Schaltwippe Golf 8 eTSI

Mehr Assistenzsysteme

Der neue Golf hat die Ausstattung umfangreich um eine Freisprechanlage, einen USB- und Bluetooth-Anschluss, Car-Play, Keyless-Go, die Lenkradheizung, ein Multifunktionslenkrad und ein Navigationssystem erweitert. Ein umfangreiches Sicherheitspaket ist Standard. In der Style-Version umfasst es unter anderem den Spurwechselassistent, Tagfahrlicht, Parkassistent, Abstandregeltempomat oder das Head-up-Display.

Fazit

Evolution oder Revolution? Verbrennungsmotor oder Elektromotor? Golf 8 oder ID.3? Konkurrenz gibt es nicht nur in der traditionellen Golfklasse, sondern mit dem rein elektrischen ID.3 auch im eigenen Hause genug. Die komplette Digitalisierung des Cockpits, das feiner ansprechende Fahrwerk und die umfassendere Konnektivität des Golfs 8 setzen in diesem Jahr neue Maßstäbe für die Konkurrenz mit traditionellem Verbrennungsmotor.

Addendum

Test aus dem Frühjahr 2020

Ausführliche Tests und Neuheiten gibt es in der aktuellen Sommerausgabe.

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