Mini Cooper SE Countryman All4 Plug-in-Hybrid im Test

Mini Cooper SE Countryman All4 Plug-in-Hybrid im Test

10. Juni 2019 Aus Von nh
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Der Mini Cooper wird getragen von einer langen Tradition. In den Zeiten der Sueskrise und der damit verbundenen Ölknappheit erfand ein Brite den Kleinwagen im neuen kompakten Format. Alec Issigonis, Konstrukteur der British Motor Corporation, ersetzte den bisher üblichen Heckantrieb mit dem platzraubenden Kardantunnel durch einen Frontantrieb. Und er baute den Vierzylindermotor quer zur Fahrtrichtung ein. Mit dem unter dem Motor verbauten Vierganggetriebe gewann Issigonis ganze zusätzliche 50 cm Platz im Innenraum. Die Grundgedanken eines geräumigen Innenraumes sind in der aktuellen Version vom Mini erhalten geblieben. Aber die Philosophie hat sich deutlich gewandelt hin zum urbanen Lifestyle-Medium. Kann der neue Mini als Plug-in-Hybrid sein Image erweitern?

Die Geschichte sollte noch zu Ende erzählt werden. Denn zunächst wurde der ursprüngliche Mini auf winzige 10-Zoll-Räder in kleine Radhäuser gesetzt. Die Räder wurden an die Ecken gesetzt. Mit den Außenabmessungen von 3048 mm Länge und 1396 mm Breite wurde ein extrem kompaktes Auto auf die Reifen gestellt. Er wirkte wie ein an den Ecken rund gelutschter Quader, sie nannten ihn schlicht und einfach „Mini“.

Am Ende sollten Issigonis und ein John Cooper die Führungsspitze bei BMC so beeinflussen, dass die Sportwagenabteilung sich mit dem Mini befasste. Nach den ersten erfolglosen Einsätzen in der RAC-Rallye pflanzte jener John Cooper 1961 einen 997 Kubikzentimeter großen Motor in die Antriebsabteilung des Minis mit sagenhaften 70 Pferdestärken. Und schon danach wurde das nächst größere Aggregat mit 1071 Kubikzentimeter Hubraum und 92 PS an den Start geschickt. Der Speed-Mini war geboren, denn das Gewicht des Cooper S lag bei gerade einmal 680 Kilogramm.
Die Ralley-Ära sollte mit dem neuen Sportchef Stuart Turner eingeläutet werden.

Mit dem erfolgreichen finnischen Fahrer Rauno Aaltonen gelang es zumindest schon einmal die Akropolis-Rallye zu gewinnen. All die technischen Details wie Einzelradaufhängungen, eine sehr leichte Karosserie zum Beispiel durch Alu-Türen und der Frontantrieb ergaben ein sehr agiles Fahrverhalten. All diese Details und die Tradition finden sich auch heute noch in den Nachfahren des Mini Coopers wieder. Und entsprechend vereint das neue Modell Tradition und Aufbruch in neue Zeiten. Und so steht er jetzt, verziert im besten traditionellen „British Racing Green“, für den Test mit Rallyestreifen vor uns. Bereit für den Alltag mit dem aktuellen Plug-in-Hybridantrieb.

Mini Cooper SE Countryman All4 Plug-In-Hybrid - Copyright BMW/Mini
Mini Cooper SE Countryman All4 Plug-In-Hybrid – Copyright BMW/Mini

Ist das noch Punkrock?

Für alle Traditionalisten stellt sich die Frage, ob ein Mini Cooper SE Countryman All4 als Plug-in-Hybrid die Werte ins 21. Jahrhundert hinüberretten kann. Natürlich nicht alle, das Auto ist großformatiger und deutlich schwerer als die Originale aus den Sechzigern. Mit mir als Fahrer, den zwei Antriebsmotoren und den üppigen Sonderausstattungen der Plug-in-Hyrid-Version liegen wir inzwischen bei satten 1,8 Tonnen Gesamtgewicht, das ist fast das dreifache Gewicht vom Ur-Flitzer.
Damit das Gesamtpaket zügig den Alltag bewältigt, wurde ein 224 PS starker Dreizylinder-Benzinmotor unter der Motorhaube eingepflanzt. Im Heck ergänzt ein 88 PS starker E-Motor den Vortrieb. Im Citybereich können bei optimalen Bedingungen bis zu 40 km rein elektrisch zurückgelegt werden. Bei unseren Winterbedingungen waren es eher 20 km.


Zum Laden braucht man an einer 230-Volt-Steckdose gute drei Stunden Zeit für den 7,6 kWh Lithium-Ionen-Akku. Nur mit einer optionalen Wallbox wird der Mini schneller mit 3,7 kW pro Stunde geladen.
Das satte Gewicht mit dem tiefen Schwerpunkt verleiht dem Mini eine stabile Straßen- und Kurvenlage. Das Fahrwerk gleicht die kleineren und gröberen Unebenheiten dosiert aus. Vom ursprünglichen Rallye-Charakter ist immerhin ein sehr agiles Ansprechen beim Tritt auf das Gaspedal übrig geblieben. Innerhalb von 6,8 Sekunden aus dem Stand erreicht der Mini die 100 km/h-Marke. Und tatsächlich bleibt immer noch ein Gefühl vom zackig um die Kurven steuerbaren Gokart.

Mini Cooper SE Countryman All4
Mini Cooper SE Countryman All4

Der überzeichnete Innenraum

Bei einer bewussten Entscheidung für den Mini erhält man das optisch verspielte Cockpit, an dem sich die Geister scheiden. Das mächtige Rundinstrument in der Mittelkonsole thront über den Klima-Wahlrädern, tradierten Kippschaltern und einem wuchtigen Automatikwahlhebel. Hinter dem Lenkrad wirken die Instrumente komprimierter, hier dominiert der Tachometer mit einer Geschwindigkeitsanzeige bis zu 260 km/h. Will er doch noch mal zur Rallye Monte Carlo? Geradezu bescheiden, rechts daneben, die Benzintankanzeige. Zu Recht, denn gerade mal 36 Liter fasst der relativ kleine Tank.
Das kann bei Langstreckenfahrten schon ein Manko sein, denn Bescheidenheit im Benzinverbrauch bei leerem Akku ist dem Mini ein Fremdwort. Bei kalten Winterbedingungen gönnt er sich gerne mal 10 bis 12 Liter Superbenzin im Verbrennermodus, hier macht sich das hohe Gesamtgewicht schon bemerkbar.


Umso erfreulicher sind das üppig ausgebaute Infotainmentsystem und die diversen technischen Einstelloptionen. Einfach mal einen Moment in die Tiefen des Einstellungsmenüs eintauchen. Die individuellen Vorstellungen lassen sich nacheinander in eine Richtung ändern: Die Fahrmodi-Schalter lassen die Wahl zwischen „Max-e-Drive“, „Automatik“ sowie „Save“ zu und sich mit der Sekundäreinstellung „green“, „normal“ und „Sport“ noch einmal differenzieren.
Das Ambiente ist geprägt von den in der Serienausstattung eingesetzten Sportsitzen, sie haben einen guten Seitenhalt, lassen sich gut auf den Fahrer anpassen und machen optisch einen hochwertigen Eindruck. Sie sind mit einem fein vernähten Leder überzogen. Die Verarbeitungsqualität im Innenraum ist sehr hochwertig und ansprechend. Die Sitzposition vermittelt eine gute Rundumsicht und so sich sehr zügig die äußeren Abmessungen taxieren. Etwas eingeschränkter ist die Sitzposition auf der Rücksitzbank, wenn hoch gewachsene Personen die Vordersitze nach hinten verschieben.

Mini Cooper SE Countryman All4 Plug-In-Hybrid - Copyright BMW/Mini
Mini Cooper SE Countryman All4 Plug-In-Hybrid – Copyright BMW/Mini

Trendsetter Plug-in-Hybrid?

Mit insgesamt 31.442 Neuzulassungen in 2018 ist der Plug-in-Hybrid immer noch ein Übergangsfahrzeug zu Fahrzeugen mit Elektromotor, Wasserstoff- oder Erdgasantrieben. Der Umweltbonus hat ihm noch einmal ein wenig auf die Sprünge geholfen. Wenn die Förderung ausläuft, steht er wohl noch stärker in Konkurrenz zu den wesentlich beliebteren Vollhybridantrieben.

Die Nachteile liegen eindeutig im technischen Aufwand, dem Fahrzeuggewicht und den vergleichsweise höheren Einstiegspreisen für die Plug-in-Varianten. So liegt der Einstiegspreis beim Mini Plug-in-Hybrid bei 37.600 Euro in der umfangreichen Grundausstattung (Stand März 2019). Dazu gehören dann beispielsweise das Navigationssystem, 17-Zoll-Alufelgen und ein Lederlenkrad. Dagegen sind für sinnvolle Sonderausstattungen wie Sitzheizungen, Digitalradio oder eine Klimaautomatik noch einmal Aufpreise zu bezahlen. In der Ausstattung vom Testwagen inklusive Ledersitze sind dann locker noch mal ein paar Tausend Euro on top zu bezahlen.
Im Endeffekt bleibt der Plug-in-Hybrid aber auch ohne diese Sonderausstattungen deutlich teurer aus zum Beispiel ein Mini Cooper S Countryman. Rein wirtschaftlich betrachtet, ist man also schon gezwungen, zu überlegen, ob man den Preisaufschlag wieder herausfährt. Die knapp bemessene elektrische Reichweite mit circa 20 bis 35 Kilometern ist mehr ein Luxus, der entsprechend honoriert wird.
Wer häufig kurze Strecken in der City nutzt und zu Hause eine Ladestation für die Ladezeiten nutzen kann, für den kann die Schadstoffbilanz im Umfeld sinnvoll ausfallen. Hier liefert dieser Countryman für das lokale emissionsfreie Fahren einen Anreiz, wer dennoch lieber auf den Trend rein elektrischer Mobilität setzt, wartet noch auf den elektrischen Mini.

Warten auf das Schweigen

Was bleibt, sind die Gedanken an die Phasen ruhiger Fortbewegung und lokal emissionsfreiem Fahren. Zeitweise rein elektrisch dahinzugleiten ist der wahre Unterschied im Vergleich zu den Verbrennungsmotoren der anderen Mini-Modelle. Im Endeffekt hängt die Verwendung allein vom Fahrer und der Ladestruktur im Umfeld ab. Im Praxisbetrieb haben wir noch eine Einstellung für den Rekuparationsgrad vermisst.
Bei der MaxeDrive-Einstellung kann man bis zu 125 km/h fahren. Mit dem Ende der verfügbaren Akkukapazität schaltet sich automatisch der Verbrenner hinzu. Dann lässt sich über den Save-Battery-Modus der Akku auf ein Minimum von 90% laden, damit ausreichend elektrische Kapazitäten für die City zur Verfügung gestellt wird.

Fazit

Der Mini als Teilzeit-Stromer ist vor allem für den Fahrspaß konzipiert. Mit einem originellen Interieur und einem eigenwilligen Design sticht er aus der Masse der Wettbewerber klar heraus, und die Kaufentscheidung für einen Mini ist wohl in erster Linie eine Entscheidung für ein sehr individuelles Fahrzeugkonzept. Mit dem Preisaufschlag für den Hybridantrieb und dem hohen Verbrauch aufgrund des Gewichts zählt er nicht zu den Schnäppchen.

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Addendum

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